Das Akkordeon – mehr, als nur ein „Schifferklavier“ …
Die Funktionsweise des Akkordeons
Das „moderne“ Akkordeon besteht im Wesentlichen aus drei Teilen : der Diskantseite (entweder mit Piano- oder Knopfgrifftastatur), dem Faltenbalg und der Bassseite. Es wird beim Spielen durch Schulterriemen festgehalten. Die rechte Hand spielt die Diskantseite, die linke Hand spielt die Bassseite und bewegt gleichzeitig durch Ziehen oder Drücken den Faltenbalg. Durch Hinunterdrücken einer Taste und gleichzeitige Zug- oder Druckbewegung am Balg wird Luft in das Akkordeon hineingesogen bzw. herausgepresst. Im Inneren des Diskantteils sind, von innen ausgehöhlte, Stimmstöcke aus Holz montiert, auf denen Stimmplatten mit freischwingenden metallischen Stimmzungen festgewachst sind. Dieses Spezialwachs (Bienenwachsbasis) soll verhindern, dass die Luft anderweitig entweicht. Die Luft wird durch Kanzellen (Kanäle) zu den Stimmplatten geführt und schließlich an den Stimmzungen vorbei durch den „Stimmschlitz“ gepresst, wobei dann eben die Stimmzungen zum Schwingen gebracht werden, wodurch schließlich der Ton erzeugt wird (s.u.). Dabei sind auf jeder Stimmplatte zwei Stimmzungen aufgenietet. Die eine Stimmzunge „reagiert“ auf Druckluft, die Andere auf Saugluft. Bei den heutigen Akkordeons reagieren die Stimmzungen gleichtönig, d.h. bei Zug oder Druck mit demselben Ton. Nebenbei besitzen die meisten Akkordeons Registertasten. Durch Drücken dieser Register können Oktavlagen verändert, gekoppelt und mit Tremolo versehen werden. Auf den gebräuchlichen Akkordeons umfasst der Tonumfang 41 Töne (von f bis a“‘). Auf der Bassseite sind mit 40 bis 120 in Schrägreihen angeordneten Knöpfen Basstöne und verschiedene Akkorde (3- Klänge) zu spielen. Auch hier bieten moderne Akkordeon die Möglichkeit zur Wahl der Register. Die Funktionsweise der Bassseite bezüglich Tonerzeugung ist im Prinzip genau so, wie auf der Diskantseite, jedoch ist der mechanische Aufbau ungleich komplizierter. Kein Wunder, wenn man bedenkt, dass durch Drücken einer Taste aus den Akkord- Reihen (3. – 6. Reihe) 3 Töne gleichzeitig erklingen, bzw. durch Registerwahl und damit Oktavkopplungen 9 Töne, bei den Dominantseptimen (5. Reihe) sogar 12 Töne.
Reihe 1 : Terz – Bass
Reihe 2 : Grund – Bass
Reihe 3 : Dur – Akkorde
Reihe 4 : Moll – Akkorde
Reihe 5 : Septimen – Akkorde
Reihe 6 : verminderter Sept.- Akkord
Die Grafik zeigt die Tastenbelegung der (Standard)Bassseite. Neben dem Standardbassmanual haben manche Akkordeons noch ein zweites Bassmanual, den so genannten Melodie- oder Einzeltonbass, auch M3 genannt (M1 ist das Diskantmanual, M2 das Standardbassmanual). Bei diesen meist größeren Akkordeons beträgt der Tonumfang des M3 5½ Oktaven (von Kontra E bis cis“‘ chromatisch durchlaufend) und ist in drei Reihen oberhalb des Standardbassmanual angebracht. Die Tastenanordnung entspricht dem Diskantmanual des Knopfgriff- Akkordeons.
Wie schon erwähnt bieten Akkordeons die Möglichkeit zu Registrierung. Das Akkordeon verfügt über zwei völlig voneinander unabhängig zu bedienende Spielseiten, der Diskantseite und der Bassseite. Jede dieser Seiten verfügt deshalb über separate Register. Das Idee der Register ist keinesfalls neu, sondern schon seit der Entwicklung des „Accordion“ ímmer wieder in den Bau der Instrumente mit eingeflossen. Die Register des Akkordeons sind in Anlehnung an der Technik der Orgelregister entstanden. Dort versteht man unter Register ein Gruppe von Pfeifen gleicher Bauart, Tonerzeugung und Klangfarbe, die durch einen Registerzug in Tätigkeit gesetzt oder abgeschaltet werden. Beim Akkordeon versteht man unter Register eine dem Tonumfang des Instruments entsprechende chromatisch durchlaufende Stimmungsreihe (Chor), die mit Hilfe von Schiebemechanik ein- bzw. ausgeschaltet wird.
So gibt es bei den heutigen Akkordeons bis zu 5 Register im Diskantteil (von Exoten einmal abgesehen): 1. Die Grundreihe, 2. Die tiefe Oktave, 3. Die hohe Oktave, 4. Die obere Schwebung (Obertremolo), 5. Die untere Schwebung (Untertremolo). Die Grundreihe umfasst den Tonumfang von f bis a“‘. Die tiefe Oktave umfasst den Tonumfang von F bis a“, also quasi um eine Oktave tiefere Grundreihe. Bei der hohen Oktave handelt es sich dementsprechend um eine nach oben oktavierte Grundreihe mit dem Tonumfang von f‘ bis a““.
Um den Begriff der Schwebung verstehen zu können müssen wir uns vorher mit dem Begriff der Stimmung auseinandersetzen. Die Stimmung bezeichnet die absolute und relative Tonhöhe eines Instruments. Alle Instrumente werden vom Instrumentenbauer auf eine bestimmte Höhenlage eingestimmt und Änderungen sind danach nur noch begrenzt möglich. Dabei wird bei uns von der temperierten Stimmung gesprochen, die auch Voraussetzung für die Zwölftonmusik ist. Die reine Stimmung wäre für die Tonsysteme unbrauchbar, da sie keine enharmonische Umdeutungen zulässt. In der reinen Stimmung, d.h. im Verhältnis der „natürlichen“ Tonfrequenzen, sind die erhöhten mit den erniedrigten Tönen (z.B. dis und es) nicht völlig klanggleich. Erst die (seit dem 18. Jahrhundert gebräuchliche) temperierte Stimmung teilt den Raum einer Oktave in zwölf genau gleich Halbtöne, wodurch die Schwingungen von „dis“ und „es“ jetzt identisch sind. Dadurch besteht auch die Möglichkeit, einen Ton enharmonisch umzudeuten und so von einer Tonart in eine andere zu modulieren, z.B. durch Umdeutung von „gis“ in E- Dur zu „as“ in Es- Dur. Für gewöhnlich werden Instrumente so gestimmt, dass das a‘ mit 440 Schwingungen (=Hz) schwingt.
Zurück zur unserer Schwebung. Eine Schwebung beschreibt eine mit geringem Schwingungsunterschied zur Grundreihe gestimmte Zungenreihe. So hat die Oberschwebung eine (beim a‘) Schwingungsdifferenz von ca. 3 Hz. nach oben, was bedeutet, dass das a‘ der Grundreihe mit 440 Hz schwingt und der obere Schwebeton (a‘) mit 443 Hz. Bei der Unterschwebung ist es logischerweise genauso, mit dem Unterschied, dass die Differenz 3 Hz. nach unten beträgt, also 437 Hz. (beim a‘). Erst die Kopplung von Schwebetonreihe mit der Grundreihe ergeben den beim Akkordeon typischen Schwebeton, der etwas unglücklich als „Tremolo“ bezeichnet wird.
So lassen sich diese Register noch nach Belieben koppeln, was bewirkt, dass bei einem 5- chörigen Instrument, also ein Akkordeon mit 5 Registern im Diskantteil, bis zu 14 Registerkopplungen möglich sind. Die einzelnen Kopplungenkombinationen kommen dabei durch Betätigung einer Registertaste zustande. (s. unteres Foto)
Die Abbildung zeigt ein modernes Akkordeon und die äußerlich sichtbaren Bestandteile.
